14.7.04

 

Von einer missglückten Schneckengeneration

 

Statt
der Deichschafe
entwickelte man in Wilhelmshaven in einem
Genlabor
Riesenschnecken zum Abgrasen der Dämme
Dummerweise mutierten manche Exemplare
zu Megaschnecken
größer und mächtiger als die
Staatsoper
die sich fortan auf den Weg von Ostfriesland
nach Westfalen machten
Ganze Landstriche fraßen sie kahl
Sie krochen über Dörfer und Städte und
hinterließen eine tonnenschwere Schleimspur
Doch die Zerstörung dabei blieb marginal
Ich erinnerte mich an die Spielchen mit
den Weinbergschnecken, die wir über
eine Rasierklinge
wandern ließen
Fasziniert
trat ich in die Pedale die Weser entlang
gen Bremen, um solch ein Riesenexemplar
wenigstens aus der Ferne zu erspähen
Sie durchkreuzten die Landschaft
durch ihre Größe so schnell wie
Schlachtschiffe
Die Luftaufklärung gab Frühwarnungen
für die Bevölkerung aus
und die absonderlichen Schädlinge
wurden militärisch präzize von
Tornados zu Klump
geschossen
an sich harmlose Tierchen …
Mein Gott, das gab einen Haufen Schnecken-
Sondermüll
Die Geister, die man rief, dachte ich
lakonisch auf meiner Fahrt
und mir begegneten lediglich die
LKW-Flotten mit dem Schneckenmüll
aber keine einzige
echte Schnecke
außer denen, die ich platt fuhr

 

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21.6.04

 

Die schwarze Pistole

 

Ich werde das erste Mal fliegen
über die Felder und Wälder
mir von Baumwipfeln den Bauch
kitzeln lassen
auf Überlandstromleitungen
balancieren
Über den Fernsehtürmen der
Großstädte werde ich schweben
über die Dächer der Hochhäuser
springen
schwerelos wie ein Floh
mir eine Hängematte über die
Straßenschluchten spannen
für ein Mittagsschläfchen
Ich werde wie ein Greifvogel
über Täler kreisen
mich dem Wind hingeben
und auf den Berggipfeln meditieren
Das Ticket ist gelöst für meine
letzte Reise
Heute bin ich noch auf dem Boden
Mein Herz klopft
Das Blut fließt in meine Gedanken
Ich habe eine schwarze Pistole
im Gepäck
Noch quälen mich eure Gesichter
lebendige Masken
Schicht für Schicht bis zurück
zum ersten Schrei des Neugeborenen
nichtssagend
ein Schrei, der sich im Laufe des
Lebens in hohle Sprachungetüme
verwandelt
Ich höre euch wie die Zikaden
in den Pinienwäldern
Bald nur noch aus der Ferne
Was ihr Leben nennt, ist nicht
mein Leben
In der Nacht öffnet sich das Tor
und ich fliege in die Zeit
Das Licht wird mein Schatten sein
An die Sterne werde ich mich
schmiegen wie an einen schönen
Frauenkörper
und in Galaxien Karussell fahren
Ich gebe meine Suche nicht auf
Egal, wohin sie mich führen wird
Es wird zu eng auf der Erde
Bestimmt vergesse ich euch nicht so
schnell
Ab und zu verstecke ich mich
in einer Wolke und mache euch nass
mit meinen Tränen

 

 

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23.10.06

 

Herbst
Wieder mal scheisse
Das Jahr wird bald enden
Wieder ein Jahr – ich sehe es an den Bäumen
baumeln
Das sollte ein Gag sein
Alles fällt mal ab
Rostige Papiertüten im Oktober
durch Strassenschluchten segeln
an deren Ende die aufpolierten
Zähne der Herbstmesse blinken
Schausteller
ficken
entfliehen finsteren Blicken
aus Dachmansarden
Die Stadt würgt heisse Würstchen
in Maronendampf
Fette Künstler sehen plötzlich erotisch aus
und Pfützen sind mehr als Pfützen
Gleich steige ich in die Strassenbahn
im Technobeat der untergehenden Sonne
Tschüss, ihr Wichser,
es ist Herbst

 

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19.1.06

 

Station Liebling

Auf dein Grab
werde ich statt Blumen
ein Gedicht legen
An deinem Grab werde ich mich niedersetzen
und eine Dose „Feldschlösschen“ öffnen
Wenn mir der Hintern kalt
wird, gehe ich
Verzeihe
gehe ich vorbei
an den vielen anderen Gräbern
wo persönliche Erinnerungen ruhen
Vorbei an den Grabsteinen
mit dem Datum
von Ankunft und Abfahrt
und fremden Namen
Dein Name war mir auch fremd
bis ich auf meiner Reise bei dir Station
machte … Liebling

 

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8.6.06

 

die Musik der Stadt ist wie eine Hymne an das Leben
ein Radauorchester mit stählernen Pauken
motorsägenden Violinen und
unterirdischem Posaunenchor
der Dirigent ist der bleiche Tag
mit wolkenwirrem Haar
der seine Arme über die Stadt hebt und senkt
einen infernalischen Rhythmus vorgebend

nach dem Morgenkaffee
und dem ersten Bier
verlasse ich meinen Logenplatz in der Küche
und begebe mich selbst hinunter in das städtische Treiben
beinahe schneckengleich sehe ich mich über
den Asphalt kriechen
die Anderen und mich selbst beäugend, als wären
wir Leprakranke

unerwartet
kommt die Sonne hervor und füllt den Dom des Lebens
mit gleißendem Licht
wie Schweiß aus den Poren tritt
füllen sich die Straßen und Wege mit Menschen
ich fühle eine Unruhe
die Sonne hebt Gut und Schlecht gleichermaßen hervor
Blicke wie scheue Gewitter
zurückgezogen
sitze ich an der Theke eines Pubs
den Sehnerv um ein paar Meter verlängert
ich nicke auffordernd lächelnd
als das Bier leer ist
am Ende meines Tunnels sind das Licht
und die Stadt

 

 

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19.6.06

 

Togo machte Voodoo, die Schweizer gewannen
Letzte Nacht trug ich den schmächtigen Informatikprofessor
auf Händen
so leicht war er
im Bett von der einen Seite auf die
andere zu lagern
Bevor ihn der Tod erwischte, sollte er Alzheimer bekommen
Ich lausche den Nationalhymnen zum nächsten
Fußballspiel
wo durchtrainierte junge Männer auf einen Ball treten
Die Begeisterung des Publikums ist famos
Saudi Arabien spielt gegen die Ukraine
Ich befinde mich in der Gegenwart
Das Rund muß ins Eckige
Morgen fahre ich zu meiner Liebsten
Auf einem grünen Rasen schieße ich Gedichte
wie Bälle in den Himmel
Damit ich weiß, dass ich lebe
küsse ich DICH
Dem alten Professor, der in seinem Bett wie eine
tote Heuschrecke liegt
rinnt der Speichel aus dem Mund
Ich fasse hinein
Ein Spieler verfehlt trotz furiosem Schuß das Tor
Der Reporter erzählt und kommentiert
mit leichter Leidenschaft
Meine Gegenwart wird inzwischen zu Wasser
denn ich trinke Gin Tonic
wie ein Weltmeister

 

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11.1.06

 

wir schneiden uns an der Worte Saat
Entenschnäbel schnappen nach den Pflaumen
die wir im Geheimen ausbrüten
der Himmel spreizt die Beine wie eine Hure
Gott vergaß das Kondom
die Menschen kamen auf der Erde an
mit Augen planetengleich
unter ihrem Haupthaar leuchtete ein Gestirn
das erste Wort war nur eine Frage der Zeit
mit dem Schnuller im Mund erschufen sie das
elektrische Licht und Atombomben
im schwarzen Dunst der Nacht
dichteten sie über die Liebe
abertausend Generationen vergingen
wie Pickel auf dem Gesicht eines Pubertierenden
wir verleugneten unseren Arsch
wir verleugneten unsere Herkunft
dann nahmen wir unseren Arsch und unsere Herkunft an
um beides wieder zu verleugnen

 

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