27.8.02

Die Leber im Whiskeyglas

Ich saß mit Fauser an der Bar, während Henry seine Wette abgab.
„Was hältst du von ihm?“ fragte ich Jörg.
„Er ist besser als ich.“
„Ist er besser als Burroughs?“
„Er ist anders.“
Wir bestellten uns noch 2 Whiskey ohne Eis. L.A. war ein heißes Pflaster, das ich nur scheintot ertragen konnte.
Ich sagte: „Aber Ernest ist der beste von allen.“
„Sie waren alle gut. Mal mehr, mal weniger.“
„Stimmt.“ Wir stießen an.
„Auf die nächste Möse, die uns über den Weg läuft.“
„Yeah.“
„Yeah.“
Ich drehte mich um und betrachtete die Menschen, die wie Ameisen durcheinanderliefen.
„Hoffentlich platziert er eine gute Wette.“
„Hoffentlich überlebe ich heute“, sagte Jörg.
„Elsa mag ihn nicht“, sagte ich.
„Elsa?“
„Sie erinnert sich nur an Die Leber im Whiskeyglas.“
Jörg kippte seinen Whiskey hinunter.
„Ist Elsa ein Pferd?“
Ich schwieg. Jörg drehte sich einen Joint. Der Barkeeper war im Hinterzimmer verschwunden und holte sich einen runter. Henry kam vom Wettschalter zurück.
„Hello Boys.“
„Hi Henry.“
„Hallo Arschloch.“
„Ich hätte nicht gedacht, dass ich euch Zombies hier treffe.“ Ich grinste so breit wie die Golden Gate Bridge. Henry war schon eine Weile tot, Jörg noch länger. Der Barkeeper knöpfte seine Hose zu und schaute uns fragend an.
„Three Whiskey please“, sagte ich, „Ähm, und schmeiß in Henrys bitte ein Stück Leber.“
„What?!“
Wir bekamen unsere 3 Whiskey. Henry platzierte seine nächste Wette. Elsa ging als letzte über die Ziellinie. Jörg und ich wetteten darum, bei wem von uns zuerst das Licht ausgehen würde.

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7.6.03

Der Fingersammler

Kaspar sammelte Finger, beringte, unberingte, krumme und gerade, kräftige und schlanke. Am liebsten mochte er lange Finger. Der längste in seiner Sammlung maß 18 Zentimeter! Natürlich ein Mittelfinger. Er mochte auch die von Gicht ganz krummen. Die sahen wie knollige Äste aus. Kinderfinger lehnte er ab. Kaspar mochte nicht an winkende Kinderhände denken, denen Finger fehlten. Er besaß inzwischen 1.523 Finger und hatte einen Daumen-Überschuss. Einzelne Fingerglieder wanderten in den Müll. Zu seinen Kunden sagte er: „Ich mag keine halben Finger. Vor allem keine Daumenkuppen.“ Aber wenn die Bittsteller ihn flehend anschauten, wurde Kaspar meist weich. Dann pflegte er zu sagen: „Ich bin viel zu gutmütig. Fehlt noch, dass sie mir ihre Fingernägel andrehen wollen …!“
Man fragt sich, was er mit all den Fingern anfangen wollte. Nun, er sammelte sie wie andere Leute Schmetterlinge oder Briefmarken. Kaspar sammelte Finger. Er erhoffte sich, etwas über Finger zu lernen. Umso mehr er haben würde, so dachte er, desto mehr würde er über sie erfahren. Aber warum weckten gerade Finger sein besonderes Interesse? War es die Erinnerung an die drohenden Zeigefinger der Erwachsenen in seiner Kindheit? Der herausgestreckte Tramper-Daumen seiner Jugend? Der provokative Stinkefinger? Der Ringfinger, der für die Liebe stand? Oder der aus Vornehmheit oder Exzentrik abgespreizte kleine Finger? Kaspar hatte vor, ein regelrechtes Fingermuseum einzurichten, damit jeder Mensch sehen konnte, wie unterschiedlich Finger sein können. Die Besucher würden an tausenden wohlpräparierten Fingern in Glasvitrinen vorbeiwandeln. Und am Ausgang hätte man die Gelegenheit, selbst einen Finger abzuzweigen, unter sterilen Bedingungen chirurgisch einwandfrei, wofür man natürlich gut entlohnt werden würde. Auch eine Fingerauktion wäre denkbar. So dachte Kaspar leidenschaftlich an sein Projekt, Tag für Tag. Er betrachtete seine Hände voller Ehrfurcht. Er spreizte seine Finger, streckte seine Hände in die Höhe und lachte glücklich. Manche Finger blieben eben unbezahlbar.

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3.4.03

Wüstennacht

Mir ist es scheißegal, ob ihr nachempfinden könnt, welche unendliche Kälte uns umgibt – nichts als Wüste, die seit 14 Milliarden Jahren auseinanderdriftet. Möglicherweise gibt es uns nur deshalb, weil gewisse Naturkonstanten zur richtigen Zeit miteinander poppten… Immerhin schenkten sie uns den Mond und Jesus – somit sind wir nicht ganz allein, wenn sich das Licht der Sterne in unseren einsamen Augen spiegelt. Ich wünsche mir eine laue Sommernacht mit einem halben Mond, der sich durch die Wolken mogelt, mit dem Zirpen der Zikaden und einem fernen Lagerfeuer, den Stimmen meiner Vorfahren, während ich mich im Schutze eines Busches zusammenkauere und den Schlaf erwarte. Meine Haut brennt noch von der Hölle des Tages. Die Erde kühlt, ich küsse sie, als wäre sie meine Geliebte…
Warum hat alles Grenzen? – die Masse der Sonne, der Erde, des Monds, des Elektrons – wir Menschen sind Künstler des Ausmessens von den Quanten bis zu den Galaxien. Wir sind zum Messen verflucht. Selbst Gott würden wir vermessen. Unser Land haben wir längst verkauft, unsere Seelen klammern sich verzweifelt an die Ahnung von Liebe. Wir sollten endlich die Wüste, die Leere um uns herum erkennen…
Wir sind eine Familie und sitzen gemeinsam auf dieser wunderbaren Erde – it`s our home. Wir erzählen uns Geschichten von guten und schlechten Zeiten. Bevor wir uns schlafen legen, küssen wir uns, küssen die Erde.
Unser blauer Planet verschwindet im Sonnensystem, im Staub der Milchstraße, hinter Galaxienhaufen, Dunkler Materie und… und… und… 10 weiteren Dimensionen, die allesamt nicht dazu taugen, die Liebe zu erklären, das Sein zu erklären und uns Halt zu geben. Ich genieße die Nacht, sie beruhigt mich hier und jetzt. Noch spähe ich manchmal zu euch herüber zum Lagerfeuer, sehe eure dämonischen Schatten tanzen…

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13.6.03

Schwarz-Weiß


Wenn ich alte Filme schaue und die jungen Schwarz-Weiß-Gesichter sehe, denke ich fasziniert, dass die meisten davon inzwischen tot sind… Dieses ewige Nachwachsen macht mich mürbe. Geschichten entstehen, werden Geschichte. Wie viele Geschichten passen in ein Leben? Wie schnell ist heute gestern?
Auch die Verliebtheit unterliegt der Korrosion der Zeit mit ganz unterschiedlichen Halbwertszeiten. Es gibt Lieben, die schnell vergehen, und Lieben, die unendlich langsam dahinschmelzen. Manche Lieben dauern an, während ich längst wieder neu liebe.
Ich öffne meine Seele und schaue auf Ruinen, überwuchert vom Efeu des stetig Nachwachsenden, bedeckt vom Staub der Zeit-Winde, niedergemacht vom Ego der Gegenwart… Die Gegenwart ist brutal. Wir suchen sie sehnsüchtig auf. Wir verzweifeln an ihr. Wir scheitern an ihr.
Der Schwarz-Weiß-Film fasziniert. Robert Mitchum in einer Paraderolle. Er hatte diesen Schlafzimmerblick – wie geschaffen für die Rolle des Detektivs Marlow.
Ich träume. Ich träume mich in eine Schwarz-Weiß-Welt, in eine Gut-Und-Böse-Welt, in eine Welt der Helden und der Anti-Helden – von gestern, von heute, von morgen… bis das Licht ausgeht.

13.06.2003
(redigiert am 08.05.2022)

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6.8.00

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X.X.02

Amnesie

Man hat eine orientierungslose Frau
in Fürth aufgegriffen, die sichtlich
heruntergekommen vor der
Tür des T-Punkts lag
die Schuhe musste man ihr von
den Füßen schneiden
ihre Fußsohlen waren enthäutet
Zur selben Zeit erschoss ein Verrückter
drei Menschen in einem Erfurter Gymnasium
und wartete auf seinen Fall-Down
durch ein Spezialeinsatzkommando

Nichts wird sein wie vorher, sagt
ein Bürger und zerreißt
einen Liebesbrief
Im 3. Stock des Wohnblocks liegt ein
verlassenes Baby halbzugedeckt
in seiner Wiege
und plärrt sich vor Hunger die Seele
aus dem Leib
während unten ein Penner auf einer
Parkbank in seiner Kotze liegt
Die Sonne scheint heute nicht
sie leidet unter Amnesie
sie hat ihr Scheinen vergessen

Ich gehe in die nächste Runde:
unter mir rumort der Erdkern
und rülpst zur Erdkruste hinauf
natürlich stürzen dabei ein paar Häuser
in Venezuela ein
Ein südafrikanischer Multimillionär
schwebt indessen in der Umlaufbahn
und erfreut sich an der göttlichen Kulisse
des blauen Planeten
In meinem Zimmer wird es dunkel
auf der Tastatur greifen meine Finger daneben
wenn ich die Musik abdrehe, höre ich
das Rauschen der Autobahn
ich möchte mich mit einem Plakat auf
die Autobahnbrücke stellen
darauf in großen Lettern zu lesen:
„DER WAHNSINN FAEHRT WEITER!“
Kraftfahrer dämmern hinterm
Lenkrad ein
ein Sattelschlepper zerdrückt eine Wagenkolonne
zu Brei, und ein herumirrendes Unfallopfer wird
von einem Kotflügel enthauptet
wir sammeln die Leichen ein

Jeder Tag bringt den totalen
Erinnerungsverlust
wie immer gehe ich in den Super-
markt und stelle meine abgestumpften
Gefühle aufs Laufband
die Kassiererin schaut grimmig
als der Oma vor mir ihre Geldbörse aus der Hand gleitet
in Zeitlupe sehe ich die Münzen herabsegeln
urplötzlich holt die Kassiererin einen
silbrig glänzenden Smith & Wesson Colt
aus dem Nichts hervor
und schießt sich in den Kopf
Hirn und Blut spritzt
mir ins Gesicht
Wo bezahle ich jetzt mein Bier? frage ich.

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13.2.00

Jedes Nachforschen, Nachsehen verändert die Welt
hin zu einer unlösbaren Bruchrechnung.
Der Praktiker vermag gute Stühle zu zimmern, auf denen ich sitze.
Der Künstler setzt sich in die Baumkrone.

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3.10.00

Rudi kletterte auf den Strommast, Bernd sprang von der Autobahnbrücke, Zinser starb an Bauchspeicheldrüsenkrebs, Tom erhängte sich in seiner Kneipe „Kakadu“.
Ich wichste zu Nacktszenen im Fernsehen, ich wichste zu den Pornos meines älteren Bruders, ich wichste aus dem Gedächtnis, ich wichste zur Lektüre von de Sade…
Wenn ich`s recht betrachte, sind wir Monster. Eine frankenstein`sche Evolution brachte uns auf den Weg – in den Schoß der Erde, in diese verfluchte Burg. Wir leben auf einem Monsterplaneten und sind sterbenseinsam, verurteilt zur unaufschiebbaren Selbstzerstörung – die geschieht, wenn das Monster seine Rechte vor seinem Schöpfer einklagt.

Ich wohne zur Miete in einem Zimmer mit Terrasse. Links von mir sitzt meine Ex mit ihrem Neuen und hustet mir was vor. Rechts von mir beäugt mich das Narbengesicht, und vor der Garage gegenüber repariert der Einäugige aus dem Kellerloch stundenlang Fahrräder.
Umso mehr ich trinke, desto ferner rücken die Unternehmungen des Tages – heute Dosenbier. Hopfen macht müde und Countrymusik dösig. Ich mache noch eine Dose auf, ich hab` schon lange den Tunnelblick, dabei fing alles gut an: geduscht, rasiert und sogar gestaubsaugt und abgespült… Ob ich heute noch mal die Kurve kratze?

Der Mund ist sicher die erstaunlichste Öffnung des Menschen: er atmet ein, er atmet aus, er isst, er küsst, er spuckt und kotzt, er leckt, er schmeckt, er hustet, krächzt, stöhnt, schreit, und er redet, redet, redet…; er trinkt Whiskey, er trinkt Milch, er saugt an Mutters Brust, er entlässt den ersten Schrei, er haucht den letzten Atemzug, er lacht und schmunzelt, und er zeigt sich traurig und schmerzverzerrt… Ich glaube, der Mund ist was ganz Besonderes. Ich liebe seine roten Lippen und seine Zunge, die, als hätte sie ein Eigenleben, in der Mundhöhle herumfummelt.

Ich fühle mich leer. Das Wetter macht mal so – mal so, und ich sitze hier wie auf Kohlen. Der kleinste Pickel stört mich, lähmt mich. Ich sitze geduckt an der Schreibmaschine, ich atme schwer, ich höre Musik.

Ich fühle mich leer wie sonst was.


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3.7.02

Eine Zahnpasta zum Preis einer Nudelpackung oder Die Kollision im Supermarkt

Ich hasse nichts mehr, als im Supermarkt einkaufen zu gehen, und die Gänge sind dermaßen zugestellt, dass 2 Einkaufswagen unmöglich aneinander vorbeikommen – so geschehen vorhin. Es war eine Frau mittleren Alters, sie kam frontal auf mich zu. In ihrem Warenkorb lag erst eine Tüte Zucker. Sie schaute grimmiger als ein Waschpaket. An ein Ausweichen war nicht mehr zu denken. Wir rasselten ineinander. Liebe Güte, was für ein Aufstand! …  Ich wollte doch nur zur Zahnpasta.
Um heute noch die Kurve zu kriegen, musste ich blitzschnell handeln. Schließlich wartete die ganze verrückte Welt draußen auf mich. Ich drängte dieses hysterische Wesen ins Regal und verpasste ihr den Todesschlag. Diesen genialen Handkantenschlag habe ich noch aus alten Karate-Zeiten drauf. Wie ein nasser Sack kippte die Lady vornüber in meinen Einkaufswagen. Gott sei Dank hatte kein Mensch etwas bemerkt. Alle waren zu sehr mit der Suche nach sich selbst beschäftigt.
Okay, ich holte meine Zahnpasta und suchte nach einer passenden Warenauszeichnung für die Lady, die mir im falschen Moment begegnet war. Sie lag wie eine bunte Riesenwurst in meinem Wagen. Ich kratzte das Etikett einer Nudel Packung ab und heftete es ihr an den rechten Busen. Der ragte so halb seitlich aus ihrer Bluse. Jetzt aber nichts wie an die Kasse und bezahlen! Vor mir quengelte ein Rotzbengel. Ich wollte ihn schon dazusetzen, da zog ihn sein Daddy hinter sich her in die rettende Freiheit. Die Kassiererin scannte den Barcode auf dem Busen. Die Zahnpasta übersah sie. Wer weiß, wo die hin gerutscht war.


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25.4.94

Die Eltern bringen mir eine Kiste Fressalien und einen Fuffi in einem Briefumschlag. Ich lege die sentimentalste Alkoholbeichte meines Lebens ab, und was alles dran hängt.
Wir lassen dich nicht hängen, sagen die Eltern, und schauen betreten. Ich will sie wieder aufheitern mit meiner alkoholverschleierten Durchsicht.
Wie wirklich ist die Sentimentalität? Warum gibt es Plastikweihnachtsbäume?
Ich langweile mich mit mir selbst. Die Klamotten stinken nach Kneipe, Schweiß und Urin – es fühlt sich nach Verwesung an. Der nahe Tod ist wie ein leer stehendes Haus mit wild wucherndem Vorgarten.
Meine Nachbarin ist nicht da. Es herrscht Mucksmäuschenstille. Feiertagsgediegenheit.
Seit Stunden höre ich Rockmusik. So lässt sich der erste Weihnachtsfeiertag an, mit einem Fuffi im Briefumschlag und dem Rest von 10 Dosen Bier.
Armin speist mit Eltern und Großeltern. Unerreichbar. Alles Gute, alter Freund!
Ich muss mich irgendwie loseisen. Ich bin wie konsterniert.

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