30.10.06

 

Der Tag pisst mich mit seinem gelben Strahl an
er ist aufdringlicher als die kleinen Fruchtfliegen in
meiner Stammkneipe
hier am Ort
Brian Augers Oblivion Express
rauscht seit zwei Stunden durch meinen Kopf
ich hänge die Wäsche zum Trocknen auf
ich harre aus in hellem Spinngeflecht
ich gehe mit der Musik eine Treppe rauf und
runter
meine Hände riechen nach Spülmittel
das Fenster ist eine durchsichtige Tresorwand zum
Leben
als ich die staubigen Blätter meiner Zimmerpflanzen
abwische, lächele ich
schwerelos schwer hänge ich wie sie
halt so rum
wie ginge es mir mit Einsteins Kopf und den Eiern
von Freud?
was wäre der Tag ohne diesen herrlichen
Ausblick aus meinem Fenster?
der Raum schrumpft zu einer Eizelle
ich vergaß ganz, dass
ich bereits lebe

 

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15.6.06

 

Kitty Blues

hellgrell gelb ächzt das Saxophon
es tönt von unten
während ich im 124. Stockwerk meines Selbst
in meinem Saft sitze
und stöhn
ich bin mein eigener Klon
und der Clown
an deiner Seite
frontal rase ich auf den Tod zu
wie auf einen Brückenpfeiler, buntbemalt
mit Graffiti
deine Möse nenne ich Kitty
einer spontanen Eingebung folgend
zwischen deinen Beinen bin ich Jimi Hendrix
die Nase voll Backpulver
… Kitty, ich liebe dich!

 

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4.4.06

 

An dem und dem Tag
als die Fallen fielen, fiel kein Mensch mehr in eine Falle
manche Scheide macht einen Knick
für einen kurzen Augenblick sehe ich die Farben
in mir
dann sitze ich auf einem warmen Stein und grübele
über das Leben
die Straße zu mir teilt sich in unnachahmlicher Weise
eine Zigarettenlänge
ich liebe dich, sage ich
das sage ich zu mir
du schaust mir in die Augen
ja
wie komme ich aus dem Gelee wieder heraus?
komme ich zu spät nach Hause?
es erwartet mich der alte Traum, der mein Freund ist
er wird mich wie immer umarmen
mein Leben
die Luft ist voller Gemeinheit, und ich atme sie
ein
ich atme auch dich, mein Glück, mein Unglück
manche Seele macht einen Knick
die Sonne bäckt die Gefühle zu Gedanken-Brot
heute war ich gestern, und morgen bin ich heute
die Dachziegel von dem Haus gegenüber zerfließen
wie Gelee
tropfen über die Dachrinne
tropfen in meine Welt
die Sonne lässt alles blass erscheinen
meine Hände sind kalt von deinem Schneeregen
klitzekleine Türmchen entstehen
ich habe keine Ahnung von alledem
ich schreibe davon
dann kommt das Morgen, an dem ich gehen muss
ohne Gewissheit auf eine Wiederkehr
sicher ist das Lächeln
wie oft muss sich ein Mensch für seine Fehler entschuldigen?
der Wein spült mir das Blut aus den Adern
bis jedes Wort von mir Falschheit trägt
aber gestern
gestern liebte ich dich
oder war es vorgestern?
eine Taube putzt ihr Gefieder auf der Dachrinne
ich schaue ihr zu
und sehe
Schmetterlinge plötzlich
verwandeln sich meine Hände bald in Schmetterlinge
die auf und ab schweben?
die Welt schweigt
es ist gut, wenn wir einander vergessen
es ist gut, an der Luft zu sein
es ist gut, wenn alles weitergeht
es ist gut zu atmen
ich war an dem und dem Ort
ihr merkt es wahrscheinlich, dass mich die Kraft verlässt
könnt ihr euch erinnern, wie ihr eure Lieblingsspielzeuge
unters Bett kehrtet?
ich will weinen
heute
und mein Tränenfluss ist nahezu ausgetrocknet
ich benenne meinen Fluss
bevor alles versiegt

 

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24.10.06

 

Bei einem Regelverstoss ertappt werden, ist ein
eigentümliches Gefühl.
Es ist, als würde man von einer Mauer springen
und ungewöhnlich hart auftreffen.
`Scheisse`, dachte Harry, `hätte ich doch die
nächste Bahn genommen.`
Er überspielte seine Scham inmitten der anderen
Fahrgäste mit Ahnungslosigkeit.
„80 Franken“, verlangte der Kontrolleur
im Barriton einer personifizierten Rechtsprechung.
Harry zuckte mit den Schultern.
„Die habe ich nicht dabei.“
„Aber eine Bankkarte haben Sie:“
„Ja.“
„Dann lassen Sie uns die nächste Haltestelle
aussteigen.“
In Harrys Kopf lief ein Hochgeschwindigkeitscomputer.
Nachdem er alle Möglichkeiten auf ihre Sinnhaftigkeit
hin durchgecheckt hatte, entschied er sich,
anstandslos die Summe zu blechen.
Harry war jenseits der Vierzig. Er wollte nicht wie ein
erwischter Lausbub davonrennen.
Der Kontrolleur zeigte kein Mitleid. Er ging nicht
darauf ein, als Harry erwähnte, dass er fremd
in der Stadt sei.
Dabei sah er aus wie der nette Kerl von Nebenan:
Baseballmütze, Dreitagebart, weisse Weste und eine
Wampe von zuviel Makkaronis.
Der Prototyp eines Machos vom Kleintierzuchtverein.
Oder wie man sich den Hausmeister eines mittelgrossen
Wohnhauses landläufig vorstellt.
„Ich wünsche Ihnen trotzdem noch einen schönen Tag“,
sagte der Kontolleur, nachdem er die Quittung ausgestellt hatte.
„Danke, ich Ihnen auch.“
Harry lief die Strecke zurück zu einer Kneipe, die er sich
in der fremden Stadt ausgeguckt hatte.
Er rechnete die 80 Franken in Bier um und überlegte,
ob er seiner Antwort „Ich Ihnen auch“ den entscheidenden
Tonfall verliehen hatte.
Denn eins war klar: Der Kontrolleur sollte in Zukunft
ohne Ende Pech haben. Bis zum Abnippeln!
Harry stellte sich vor, wie der Arsch dann demütig zu
ihm käme und darum bettelte, er solle den verdammten
Fluch rückgängig machen.
„Hier haben Sie ihre 80 Franken zurück!“
„Zu spät.“
„Ich werde niemals wieder Jagd auf Schwarzfahrer
machen!“
„Wirklich?“
„Ich schwöre.“
„Zu spät, das hätten sie sich früher überlegen müssen …“
Der Kontrolleur fiel vor Harry auf die Knie, aber Harry blieb
in seiner Phantasie gnadenlos:
„Fick dich ins Knie! Dein Unglück hast du selbst zu
verantworten.“
Harry war fremd in der Stadt. Er war ein Schwarzfahrer
unter vielen. Mehr als ihm lieb war, spürte er die Demütigung
durch den Kontrolleur, einem Mann, der in seinem Beruf
lediglich seine Pflicht tat.
War sich Harry einer Schuld bewusst?
Und wenn, diese Demütigung konnte niemals dem Tatbestand
gerecht sein:
Zwei Franken für ein Kurzstreckenticket.
Vierzigfach zahlte er in Münzen.
Mal tausend in seiner Ehre.
Harry dachte: `Ich scheisse auf die Welt!`
Eine Moment lang fühlte er sich als Anarchist.

 

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3.8.02

 

Guten Morgen liebe Menschheit
ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht
die schlechte zuerst
im Jahre 2019 schlägt ein Meteorit auf der
Erde ein und vernichtet alles Leben
außer den Insekten und Krebsen
und nun die gute Nachricht
bis dahin dürft ihr genauso weitermachen
wie bisher
und ich mit euch
feiere die Illusion des Lebens
auf einer Irrsinns Party , auf einer Weltuntergangs Party
sie hat schon angefangen
das Bier ist kalt gestellt, und die Toiletten sind frisch
geputzt
willkommen liebe Gäste
macht`s euch gemütlich, Kartoffelchips gibt es an
der Bar auf der Mauer von China
Scampi bekommt ihr auf Tahiti bei meinem lieben Freund
Marlow
der Schampus steht allerorts auf Eis
alles andere entnehmt bitte beiliegendem Prospekt
ich bin heute mundfaul
ach ja, vergesst bitte nicht neue Klopapierrollen
aufzuhängen, wenn ihr das letzte Fitzelchen
verbraucht habt
und benutzt ab und zu die Klobürste
ist das ein Wahnsinn zu wissen, an welchem Tag ich
abtreten werde?!
seitdem halte ich mich am Bier
ich schlafe unruhig
habe es aufgegeben die Tage zu zählen, die mir bleiben
mein Leben ist wie ein Eisberg, der vor
Australiens Küste schmilzt
werde ich es hinkriegen zu sagen
willkommen Tod ?
warum Krebs?
warum ein doofer Meteorit?
warum dieser Auffahrunfall im Nebel?
und wenn alles Bedeutung hat und wie ein überirdisches
Puzzle seltsam zusammengesetzt ist ?
willkommen liebe Freunde
der Tod macht den Barkeeper, und er mixt die besten
Cocktails
er jongliert mit ihnen, und er hat einen Gesellen
mit dem er zusammen seine Show abliefert
diese Vorstellung dürft ihr nicht verpassen
der Tod ist ein echter Magier
seine Cocktails sind wirklich unschlagbar
liebe Menschheit
7 Milliarden mal „ich“
ich spüre eure Gesichter in den Trambahnen
ich sehe euch auf den Plätzen neben der
Taubenscheiße sitzen
ich sehe euch arm und reich, verzweifelt und glücklich
nebeneinander
jeder einzelne ist ein Universum für sich
und sucht nach dem Kontakt
dem Funkenschlag der Liebe
oder dem Strom der Solidarität
here we are
ich gebe euch meine Seele, bevor ich sterbe
nicht aus Selbstlosigkeit

und nun möchte ich weinen
lasst mich in Ruhe

„noch ein Bier bitte“
„Jever oder Karlsberg?“
„egal“
„sieht nach einem Gewitter aus“
„ja, es wird bald regnen“
„der Sommerregen ist schön, wie er auf die Markisen
prasselt in Paris, Madrid und London“
„den schönsten Regen erlebte ich in Lisboa“
„ist es wahr?“
„ich glaube schon“
„darf ich deine Hand halten?“
„warum sind wir so allein?“
„ja“
„dann ist es vorbei? mit allem?“
„es fängt bald an zu regnen“
„lasse uns Hand in Hand im Regen stehen“
„weißt du, dass ich glücklich bin?“

 

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06. plus (4)

 

Mein Vater heißt Hoffnung
meine Mutter Eleganz
Sie legten mich trocken
und puderten meinen Popo
Bald aß ich Haferflocken
und ging alleine aufs Klo

Heute dichte ich
in der Che Guevara Suite
ein Lied


Sie hatten nichts übrig
für Firlefanz
Sie lehrten mich Rechtschaffenheit
Ordnung und
Sauberkeit
doch ich war in meinem Leben
öfter betrunken
als verliebt

Heute dichte ich
in der Che Guevara Suite
ein Lied

Ich wäre gern Revolutionär
geworden
erhielte für meine Tapferkeit
Auszeichnungen
und Orden
Geld würde nicht zählen
jeden Tag ein Abenteuer
und im Herzen
Feuer

Heute dichte ich
in der Che Guevara Suite
ein Lied

Mein Vater heißt Hoffnung
meine Mutter Eleganz

 

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.06 plus (3)

 

Auf Larrys Heimatplaneten gab es eine Ost- und eine Westsonne
Sie wanderten genau gegenläufig über den Himmel
Die Ostsonne von Ost nach West
Und die Westsonne von West nach Ost
Larry hatte zwei Schatten
Larry hatte auch zwei Frauen
Eine Ost- und eine Westfrau
Unter den Bewohnern auf Larrys Heimatplaneten
war es üblich, dass die Männer
zwei Frauen
und jede Frau zwei Männer hatte
Die Menschen waren in Ost- und Westmenschen unterteilt
Larry war ein typischer Ostmensch
ziemlich still
und in sich gekehrt
Die Westmenschen dagegen
zeichneten sich durch eine größere Lebhaftigkeit aus
Man sprach auch vom „Wilden Westen“
Rein äußerlich waren sie nicht
zu unterscheiden
Larry liebte Britta, eine Westfrau
die ihn mit ihrer Leidenschaftlichkeit mitriss
Er erlebte mit ihr hinreißende Liebesnächte
Und er liebte Sonja
eine Ostfrau
Mit ihr konnte er nächtelang
über Gott und die Welt philosophieren
Die zwei Sonnen zogen stoisch übers Himmelsrund
und trafen sich täglich
in der Mitte
Larry huldigte der Ostsonne
aber er fühlte sich auch von der Westsonne
angezogen
Ihr Gelb war heller und kräftiger
Sie ging am Morgen später auf und
am Abend später unter
Die Ostsonne küsste den neuen Tag bereits wach
während ihm die Westsonne noch
eine Gutenachtgeschichte
erzählte
Die zwei Sonnen wachten wie ein Elternpaar
über Larrys Welt

 

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