19.1.06

 

Station Liebling

Auf dein Grab
werde ich statt Blumen
ein Gedicht legen
An deinem Grab werde ich mich niedersetzen
und eine Dose „Feldschlösschen“ öffnen
Wenn mir der Hintern kalt
wird, gehe ich
Verzeihe
gehe ich vorbei
an den vielen anderen Gräbern
wo persönliche Erinnerungen ruhen
Vorbei an den Grabsteinen
mit dem Datum
von Ankunft und Abfahrt
und fremden Namen
Dein Name war mir auch fremd
bis ich auf meiner Reise bei dir Station
machte … Liebling

 

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8.6.06

 

die Musik der Stadt ist wie eine Hymne an das Leben
ein Radauorchester mit stählernen Pauken
motorsägenden Violinen und
unterirdischem Posaunenchor
der Dirigent ist der bleiche Tag
mit wolkenwirrem Haar
der seine Arme über die Stadt hebt und senkt
einen infernalischen Rhythmus vorgebend

nach dem Morgenkaffee
und dem ersten Bier
verlasse ich meinen Logenplatz in der Küche
und begebe mich selbst hinunter in das städtische Treiben
beinahe schneckengleich sehe ich mich über
den Asphalt kriechen
die Anderen und mich selbst beäugend, als wären
wir Leprakranke

unerwartet
kommt die Sonne hervor und füllt den Dom des Lebens
mit gleißendem Licht
wie Schweiß aus den Poren tritt
füllen sich die Straßen und Wege mit Menschen
ich fühle eine Unruhe
die Sonne hebt Gut und Schlecht gleichermaßen hervor
Blicke wie scheue Gewitter
zurückgezogen
sitze ich an der Theke eines Pubs
den Sehnerv um ein paar Meter verlängert
ich nicke auffordernd lächelnd
als das Bier leer ist
am Ende meines Tunnels sind das Licht
und die Stadt

 

 

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19.6.06

 

Togo machte Voodoo, die Schweizer gewannen
Letzte Nacht trug ich den schmächtigen Informatikprofessor
auf Händen
so leicht war er
im Bett von der einen Seite auf die
andere zu lagern
Bevor ihn der Tod erwischte, sollte er Alzheimer bekommen
Ich lausche den Nationalhymnen zum nächsten
Fußballspiel
wo durchtrainierte junge Männer auf einen Ball treten
Die Begeisterung des Publikums ist famos
Saudi Arabien spielt gegen die Ukraine
Ich befinde mich in der Gegenwart
Das Rund muß ins Eckige
Morgen fahre ich zu meiner Liebsten
Auf einem grünen Rasen schieße ich Gedichte
wie Bälle in den Himmel
Damit ich weiß, dass ich lebe
küsse ich DICH
Dem alten Professor, der in seinem Bett wie eine
tote Heuschrecke liegt
rinnt der Speichel aus dem Mund
Ich fasse hinein
Ein Spieler verfehlt trotz furiosem Schuß das Tor
Der Reporter erzählt und kommentiert
mit leichter Leidenschaft
Meine Gegenwart wird inzwischen zu Wasser
denn ich trinke Gin Tonic
wie ein Weltmeister

 

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11.1.06

 

wir schneiden uns an der Worte Saat
Entenschnäbel schnappen nach den Pflaumen
die wir im Geheimen ausbrüten
der Himmel spreizt die Beine wie eine Hure
Gott vergaß das Kondom
die Menschen kamen auf der Erde an
mit Augen planetengleich
unter ihrem Haupthaar leuchtete ein Gestirn
das erste Wort war nur eine Frage der Zeit
mit dem Schnuller im Mund erschufen sie das
elektrische Licht und Atombomben
im schwarzen Dunst der Nacht
dichteten sie über die Liebe
abertausend Generationen vergingen
wie Pickel auf dem Gesicht eines Pubertierenden
wir verleugneten unseren Arsch
wir verleugneten unsere Herkunft
dann nahmen wir unseren Arsch und unsere Herkunft an
um beides wieder zu verleugnen

 

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1.11.06

 

ich sagte ihr, dass für mich die Sozialisten genauso
Gauner wären wie
die Kapitalistenschweine
sie agierten nur auf verschiedenen Spielfeldern
und die Spielregeln wären andere
ich begriff das nach der Lektüre
George Orwells „Farm der Tiere“
Schweine fressen alles
ich blickte in ihr ehrliches Sozialistenherz
Politik und Religion rauben den Menschen die Seele
die Revolution ist rot wie die Liebe
wer kann einem Helden wie Che Guevara widerstehen
und den unzähligen anderen, die ihre Gedichte
hinter Gefängnismauern schrieben und als politisch
Verfolgte im Exil?
wir brauchen Menschen, die der Ungerechtigkeit die Stirn bieten
die für uns bluten
„Geld raubt den Menschen die Seele“, sagte sie

solche Diskussionen verliefen im Sand
wahrscheinlich lebten wir bereits in der besten aller möglichen
Welten
die Wolken hingen tief in den Schweizer Bergen
der Vierwaldstätter See im Nebel fast ausgelöscht
als wir durch die Luzerner Altstadt schlenderten
die herrliche Alpenkulisse entzog sich unseren Blicken
es war schweinekalt
aber wir hatten die Zeit und uns
wir waren ganz unpolitisch unterwegs
an der Stadtmauer, die sich wie ein Irokesenhaarschnitt
über die Anhöhe zog
vorbei an vielen beschaulichen Häusern und Plätzen
vorbei an den Touristenzentren, die sich überall auf der
Welt glichen, vorbei an dem Mac Donalds Emblem
und vorbei an den Auslagen der Edelboutiquen
wir sahen die Oberfläche der Dinge
das reichte aus
gegen die Dummheit kann man nicht kämpfen
schlägt man einen Dummkopf ab, wachsen zweie nach
was ist dann zu machen?
wir kehrten ein, um uns aufzuwärmen
ich trank wie immer Bier
sie trank Kaffee
irgendwo draußen im Nebel gab es die Lösung für die
Probleme der Menschheit
wir besaßen sie augenscheinlich nicht an diesem Sonntag
aber wir hatten die Zeit und uns
wir waren ganz unpolitisch unterwegs
mit Geld konnte man sich auf dieser Welt alles kaufen
nur noch nicht das Wetter
nur noch nicht das Wetter
ich blickte in ihr ehrliches Sozialistenherz
für ihre Kinder vergaß sie die Revolution
die Schweiz wurde zu ihrem Nest
sind Mütter die besseren Revolutionäre?
denke ich …

 

 

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27.4.06

 

Tiefluftbewohner aus dem Mittelmeer
streben als Astronauten hinauf in Sphären, bis das Blut
in den Adern kocht
in Wunderschiffen schiessen sie an die Oberfläche
ihres Lebensraumes
umkreisen die Heimat
blicken hinunter auf die Erde
die Segel blähen sich im Herzwind
reibungslos
schwerelos
richtungslos
auf der anderen Seite grenzenlos der Abgrund ins All
stürzen sich eines Tages in die Vergangenheit und Leere
Tiefluftbewohner
aus dem Mittelmeer
ich wünsche euch alles Glück der Welt
auf eurer weltenlosen Reise
durch lebensfeindliche Räume
vielleicht mit Riesensätzen wie Grashüpfer von
Sonnensystem zu Sonnensystem
doch keine Erde wird wie eure Erde sein
kein Meer wie euer Mittelmeer
es gibt nichts mehr zu erobern
die Zukunft liegt auf Eis, und die Vergangenheit ist leer

 

 

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23.2.06

 

es ist Winter
es ist Winter
es ist wieder mal Winter
jedes jahr erlebe ich den Winter
dieser Winter ist nicht mein Winter
er ist oben
und unten
rechts und links von mir
der Winter kläfft mich an wie eine aufdringliche Töle
der Winter pinkelt mir ans Bein
und die Pisse gefriert
der Himmel stülpt sich über den Tag wie
eine schmutzige Unterhose
es ist Winter
nicht mein Winter
es ist euer Winter
euer gottverfluchter Winter
meine Seele hat Schnupfen
die Liebe liegt unter einer Eisdecke
ich will sie mit den Fingernägeln freikratzen
aber das geht nicht
die Wahrheit flog nach Süden ins Warme
und zurück bleibt die
Sehnsucht
es ist Winter
ich bin Winter, du bist Winter, er ist Winter
wir sind Winter
in meinem Mantel, die Hände tief in den Taschen
vergraben
den Kopf geduckt in der Kälte
gehe ich zur Bushaltestelle
der harsche Schnee liegt am Straßenrand wie
Bauschutt
der Winter ist die Baustelle
der Winter ist Asche
ich steige in den Bus und fahre ins Tal

 

 

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