2.2.00

 

Monster: Mensch: das nette Monster von nebenan.

Es ist in Wirklichkeit nie so schlimm, wie man es sich ausmalt. Alles reine Nervensache.
Was sind die Menschen für eine Rasse?
Ihre Gesichter kommen mir so bekannt vor.

Mir fehlt ein erkennbares Lebensziel, mittel- und langfristig.

Schwerer bin ich geworden.

 

1.2.00

 

Die meisten Menschen,vor allem die jüngeren, denen ich in der Stadt begegne, sind mir fremd und irgendwie unsympathisch. Ich empfinde aber auch Mitleid, vielleicht etwas wie Liebe(?)
Wir sind wohl alle Kameraden mit demselben Schicksal. Komischerweise sind mir die Alten und die Kinder näher, aber ich kann sie alle ertragen…, wenn es nicht zu viele werden, oder wenn sie mir zu nahekommen. Töricht, von einem Fremden ernsthaft Liebe und Geborgenheit zu erwarten – doch wie menschlich ist genau der Wunsch danach.

 

27.1.00

 

Die Lufthülle – die Haut, die Meere und Landmassen – Organe für den Antrieb; die Arbeit des Herzens besorgt die Gravitation…
Flüsse durchziehen die Kontinente gleich Adersysteme – das Wasser, das Blut der Erde speist die Pflanzen und Lebewesen; der Erdboden, der riesige Nährstoff- und Energiemengen speichert und verwandelt, dient als Magen…
Die Meere säubern, und sie lagern und verdauen den ganzen Dreck und Müll – am Himmel über ihnen verschmelzen die Elemente des Lebens und beseelen den Planeten durch die zärtlichen und rauen Stimmungen des Wetters…
Das Licht der Sonne erhellt die Szenerie, erweckt mit ihren wärmenden Strahlen alles zum Leben…
Vulkanschlote, die bis tief in die Erde reichen, sorgen für den Transport der festen Materialien an die Oberfläche, begleitet von immenser Hitze und Feuer – wie Druckventile eines Ofens, – wie Poren des runden Erdenkörpers, seiner Massen, die uns auf der Oberfläche erst Gewicht verleihen, das Oben und Unten…
Hier ist unsere Heimat, hier leben wir in den mannigfaltigsten Landschaften: in Gebirgen und Tälern, an Flussläufen, Küsten, in Wüsten und in Wäldern, in Steppen und Savannen, auf Inseln und Kontinenten…
Ich blicke durch das Fenster meiner Heimstatt auf die Silhouetten von Baumkronen im Winter und staune über die feinen Strukturen – als hätte die Jahreszeit ein Kontrastmittel in die Natur gespritzt…
Es existiert ein Wesen, das atmet Licht, und in seinen Adern fließt Wasser statt Blut; seine Grüne Lunge trägt Sorge für eine Atmosphäre in der Milliarden Geschöpfe und Pflanzen existieren – dieses Wesen ist die Erde: Mutter, Placenta, Geburtsstätte, Herberge und Grab…, ein Wesen von interplanetarischer Dimension, ja, ich würde sagen, ein Wesen ganz in der Art wie alle Lebewesen…
Mit ihrem kleinen Brüderchen „Mond“ im Schlepptau umkreist die Erde wie ein seltenes Juwel das Kraftwerk Sonne, – selbst nur Teil einer geheimnisvollen Himmelsmechanik, eines Wirkens unvorstellbarer Kräfte und Größen in Raum und Zeit…
Des Nachts vermögen wir ins All zu schauen, durch das wir reisen – die Sterne schauen zurück, scheint mir, ihr Funkeln zieht mich magisch an…
Ist es nicht verrückt, das alles zu sehen?! Wie hypnotisiert kann ich den Blick nicht abwenden – mir ist, als würde mir eine Botschaft gesendet, mit deren Hilfe sich alles verbindet: Himmel und Erde, Gut und Böse, Groß und Klein, Leben und Tod…
 

23.1.00

 

Was heißt Lebensqualität?
Je nach Lebensalter, Situation und Lebensart für den ein oder anderen etwas ganz Verschiedenes.
Was bleibt von der Lebensqualität, wenn der Mensch in seinen körperlichen und geistigen Möglichkeiten stark reduziert ist?
Am Leben erhalten zu werden, um seine Träume zu träumen – der Mensch zieht sich zurück und träumt seinem Tod entgegen. Ich denke dabei an ein Flussdelta, noch nicht Meer, nicht mehr Fluss im eigentlichen Sinn, geheimnisvoll und verworren, eine Traumlandschaft ohne feste Ufer…
Was können wir diesem Menschen an Lebensqualität geben?
Schmerz ersparen und liebevolle Begleitung. Wir dürfen den Sterbenden, den Zurückgezogenen durch seine Landschaft begleiten – und das ist weniger Pflicht als vielmehr eine Gnade.

Wir können uns zu unseren Seelen durchträumen – wir dürfen daran glauben, dass es noch eine andere, großartigere Welt gibt unterhalb der Strömung unserer vordergründigen Lebenswirklichkeit.
Lebensqualität bedeutet viel weniger, als wir uns mit unserem übertriebenen, unruhigen Ehrgeiz vorstellen.

 

17.1.00

 

Ich würde es nicht Grübeln nennen – es ist ein Offenbaren des Lebens, Stück für Stück, Minute für Minute, quälend langsam… Ich stelle mir vor, dass am Schluss das große Verstummen steht.

Die ganze Welt lebt in einem Lichtstrahl – das wäre dann alles, was es gibt.

 

25.9.99

 

Die Liebe ist der schönste Selbstbetrug – und darum die höllischste Schmach, wenn sie auffliegt.

Du hast in Dingen des Lebens keine Ahnung, heißt: du glaubst zu wissen, aber weißt nicht viel… wirklich nicht viel.
Die Hoffnung ist auch Selbstbetrug, aber du verlierst sie nie. Die Hoffnung ist wie dein Knochengerüst – du spürst sie erst, du spürst davon erst, wenn es bricht.

Jedes Wissen müsste in jedem Alter neu vermittelt werden – in jedem Alter erscheint es in einem anderen Licht; darum ist manches Wissen witzlos…

Denke daran: ein Stein liegt auf dem anderen – auch wenn dir manche Steine nutzlos erscheinen… du kennst das ganze Gebäude (noch) nicht.

(Ist die Flasche alle, rutsche in die Falle…)

 

 

9.9.99

 

Life is a ladder to nowhere.

Die Gesellschaft ist offen, nur manche Menschen sind zu.

Bärbel streckte ihre Zunge weit heraus, und ich notierte etwas darauf. Dann verlangte ich, sie solle sie erneut herausstrecken, damit ich`s nochmal lesen könne.

Es macht mich ängstlich, dass zwei fremde Augen, ein fremder Geist „Meins“ lesen können.

Ich kann nur deswegen gut alleine sein, weil mir das Allein-Sein gehört – als Ausgleich zu meinem Job.

Die Menschen um mich herum, gehören sie wirklich zu mir, zu meiner Welt?
Sie sind da.

Der Traum gehört auch zum „Außen“, nicht nur zum „Innen“.

Als ich auf meinem Fahrrad in die Stadt hinunterrollte, war das für mich kaum zu glauben.
Schlafwandlerisch erledigte ich alles: den Supermarkt, das Bier für Zwischendurch, den Tritt in die Pedale, die zwanglose Konversation…

Ich tauchte in das Becken, schwamm meine Runden – und diese Vertrautheit, diese ewige Vertrautheit spürte ich wie ein Brandmal – ; und das „Außen“ verschafft mir keine Kühlung, und das „Innen“ wird mehr und mehr zu meinem Raum… Dann wünsche ich mir für einen Menschen, möglichst wieder aufzutauchen, aufzutauen… Ach, in Wirklichkeit bin ich doch ein Kristall, in dem es gewittert… Ich wünsche mir eine Frau für einen schönen Traum.

 

5.12.99

 

Frauen verlassen ihre Männer, und Männer gehen fremd. Männer schlagen Frauen, Frauen reißen aus – Tragödien, die sich wiederholen, als wären sie ein Naturgesetz. Liebe, Zusammenleben, Kinderkriegen und Familie … ein Hafen, ein Arbeitsplatz, doch selten für die Ewigkeit, darum auch immer eine Geschichte des Abschiednehmens von allem, was einem lieb ist – eine Prüfung der Demut. Kann ich das nachempfinden? Rudimente dieser Seelennotlage erreichen mich in der Bahnhofskneipe beim Bier. Der Barkeeper eröffnet unerwartet das Gespräch. Ich bin darüber nicht gerade begeistert, weil ich ein kleines Missgeschick zu verdauen habe : Als ich die Drehtür zum Elektronikmarkt passierte, klatschte eine volle Rotweinpulle aus meiner lässig über die Schulter gehängte Tasche auf den Teppichboden! Bedienstete des Elektronikmarkts kamen heran geeilt, während ich mit dem Fuß die Scherben zusammen kehrte…
Der Barkeeper erzählt, dass er bei der HDM beschäftigt sei und zusätzlich nach Feierabend hier arbeite, er sei sozusagen ein Freizeitarbeiter: „Meine Frau verließ mich nach 11 Jahren mit unserer 9-jährigen Tochter und zog zu den Schwiegereltern. Seit 6 Monaten ist sie dort und reichte die Scheidung ein.“ Nun wolle er nur noch arbeiten, um nicht auf dumme Gedanken zu kommen…
Ich sträubte mich, als die Bediensteten meine Personalien wissen wollten. Ich erklärte ihnen, dass es mir leid täte, und dass man doch nicht so viel Aufhebens um den Vorfall machen sollte – schließlich sei ich doch schon oft Kunde bei ihnen gewesen. Währenddessen strömten hunderte Weihnachtseinkäufer an uns vorbei in den mit Elektroware gepflasterten Magen, um dann an den Kassen einen Stoffwechsel vorzunehmen. Ich hörte das Wort „Haftpflichtversicherung“ fallen…
Er habe seiner Frau wehgetan und bereue dies, und nun wolle er es ihnen beweisen – er wolle sich nicht mehr gehen lassen. „Die Arbeit lenkt mich ab“, der Barkeeper wirkt sichtlich angekratzt bei den Worten, „meine Tochter sah ich das letzte Mal vor 5 Wochen.“…
Der Vorgesetzte der Angestellten erschien auf dem Schauplatz. Am Liebsten wäre ich ausgerissen, aber sie hatten mich umzingelt. Also willigte ich ein, notierte auf ein weißes Blatt Papier einen fiktiven Namen und eine fiktive Adresse und gab vor, keinen Ausweis bei mir zu haben. Der Vorgesetzte beschwichtigte mich: „Wahrscheinlich kriegt das unsere Reinigungsfirma eh hin – das ist nur für den Fall der Fälle.“ Ich entschuldigte mich nochmals und ging…
Der Barkeeper stellt das 3. Bier vor mich. Er hat seinem Mitteilungsbedürfnis Genüge getan, und ich hake nicht nach. Es wird Zeit zu zahlen…

 

4.12.99

 

Ich will eine Nummer aus meinem Kopf löschen, und schaffe es nicht, die Nummer ist einfach da, obwohl ich sie nicht mehr brauche, eine Telefonnummer, eine Geheimzahl, eine Kontonummer – egal – , woher kam diese Nummer eigentlich und spielte eine Zeit lang eine Rolle für mich, bis sie abgelöst wurde? – und dann habe ich noch eine Nummer im Kopf – die neue Nummer! – , und ich verwechsele sie manchmal mit der alten; beide haben die gleiche Bedeutung, sie wechselten nur die Plätze, und meine alte Nummer erscheint womöglich im Kopf eines anderen Menschen…, (ich habe sie noch im Kopf, doch nutzt sie mir nichts mehr).