22.6.05

 

Ich bin aus dem Alter heraus, wo ich mich für meine Dummheit rechtfertigen muss oder gar schämen. Ich würde sagen, ich entwickelte mit den Jahren eine Art Souveränität, oder bilde es mir ein. Ich rede von einem Prozess, der nicht abgeschlossen ist. Das Leben bedeutet Ehrlichkeit und damit verbunden überzeugendes Auftreten.
Bevor ich aber ins Labern komme, erzähle ich lieber von der Tür heute Morgen. Eine hundsnormale Badezimmertür, die ich anstarrte, während ich auf dem Klo saß. Sie schien zurück zu starren. Kalkweiß mit einer gewöhnlichen Klinke. Der Schlüssel steckte.
Ich würde das Bad nur durch diese Tür verlassen können. Das Gehen durch Türen ist im Alltag selbstverständlich. Ich drücke die Klinke herunter, öffne die Tür und trete über die Schwelle. Erst jetzt wurde mir aber richtig bewusst, dass die Tür einen Eingang und einen Ausgang repräsentierte. Ich werde sie als Ausgang benutzen müssen, dachte ich auf dem Klo hockend und hatte plötzlich die fixe Idee, warten zu müssen, bis jemand anklopfte, dem ich öffnete und somit erst dann die Gelegenheit hätte, das Bad zu verlassen.
Die Tür starrte mich an, als wäre sie ein Wächter, ein Einwegventil. Diese Tür wollte kein Ausgang sein. „Ich bin doch keine Schwingtür“, schien sie mir zu sagen.
Ich erinnerte mich, dass ich als Kind traumatische Erlebnisse mit Klotüren hatte, weil sie wegsperren können, weil geliebte Menschen hinter ihnen verschwinden und lange nicht mehr auftauchen. In einem Alptraum verschwand meine Mutter in einem Toilettenhäuschen, und ich hämmerte unter Tränen gegen die Tür. Auch war ich selbst schon in Toiletten eingeschlossen, weil der Schlüssel klemmte. Nur die Ruhe bewahren, dachte ich, die Tür wird sich öffnen. Die Ohnmacht des Eingeschlossenen ist eine der schlimmsten seelischen Qualen, die ich jemals erlebte.
Ich feuerte in Gedanken eine Maschinengewehrsalve auf die Tür ab. Die Sitzung war beendet. Souverän drückte ich die Klinke und ließ die Tür und anderes hinter mir.

 

Über bonanzamargot

Ich wollte, es wäre immer Sommer. Ich wollte, ich wäre immer verliebt. Ich wollte, ich hätte nie Sorgen. Ich wollte, ich hätte unbegrenzt Zeit, um hinter das Geheimnis des Lebens zu kommen: Die Welt um mich herum besser zu verstehen - die Menschen - die Liebe - den Tod...
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