24.10.06

 

Bei einem Regelverstoss ertappt werden, ist ein
eigentümliches Gefühl.
Es ist, als würde man von einer Mauer springen
und ungewöhnlich hart auftreffen.
`Scheisse`, dachte Harry, `hätte ich doch die
nächste Bahn genommen.`
Er überspielte seine Scham inmitten der anderen
Fahrgäste mit Ahnungslosigkeit.
„80 Franken“, verlangte der Kontrolleur
im Barriton einer personifizierten Rechtsprechung.
Harry zuckte mit den Schultern.
„Die habe ich nicht dabei.“
„Aber eine Bankkarte haben Sie:“
„Ja.“
„Dann lassen Sie uns die nächste Haltestelle
aussteigen.“
In Harrys Kopf lief ein Hochgeschwindigkeitscomputer.
Nachdem er alle Möglichkeiten auf ihre Sinnhaftigkeit
hin durchgecheckt hatte, entschied er sich,
anstandslos die Summe zu blechen.
Harry war jenseits der Vierzig. Er wollte nicht wie ein
erwischter Lausbub davonrennen.
Der Kontrolleur zeigte kein Mitleid. Er ging nicht
darauf ein, als Harry erwähnte, dass er fremd
in der Stadt sei.
Dabei sah er aus wie der nette Kerl von Nebenan:
Baseballmütze, Dreitagebart, weisse Weste und eine
Wampe von zuviel Makkaronis.
Der Prototyp eines Machos vom Kleintierzuchtverein.
Oder wie man sich den Hausmeister eines mittelgrossen
Wohnhauses landläufig vorstellt.
„Ich wünsche Ihnen trotzdem noch einen schönen Tag“,
sagte der Kontolleur, nachdem er die Quittung ausgestellt hatte.
„Danke, ich Ihnen auch.“
Harry lief die Strecke zurück zu einer Kneipe, die er sich
in der fremden Stadt ausgeguckt hatte.
Er rechnete die 80 Franken in Bier um und überlegte,
ob er seiner Antwort „Ich Ihnen auch“ den entscheidenden
Tonfall verliehen hatte.
Denn eins war klar: Der Kontrolleur sollte in Zukunft
ohne Ende Pech haben. Bis zum Abnippeln!
Harry stellte sich vor, wie der Arsch dann demütig zu
ihm käme und darum bettelte, er solle den verdammten
Fluch rückgängig machen.
„Hier haben Sie ihre 80 Franken zurück!“
„Zu spät.“
„Ich werde niemals wieder Jagd auf Schwarzfahrer
machen!“
„Wirklich?“
„Ich schwöre.“
„Zu spät, das hätten sie sich früher überlegen müssen …“
Der Kontrolleur fiel vor Harry auf die Knie, aber Harry blieb
in seiner Phantasie gnadenlos:
„Fick dich ins Knie! Dein Unglück hast du selbst zu
verantworten.“
Harry war fremd in der Stadt. Er war ein Schwarzfahrer
unter vielen. Mehr als ihm lieb war, spürte er die Demütigung
durch den Kontrolleur, einem Mann, der in seinem Beruf
lediglich seine Pflicht tat.
War sich Harry einer Schuld bewusst?
Und wenn, diese Demütigung konnte niemals dem Tatbestand
gerecht sein:
Zwei Franken für ein Kurzstreckenticket.
Vierzigfach zahlte er in Münzen.
Mal tausend in seiner Ehre.
Harry dachte: `Ich scheisse auf die Welt!`
Eine Moment lang fühlte er sich als Anarchist.

 

Über bonanzamargot

Ich wollte, es wäre immer Sommer. Ich wollte, ich wäre immer verliebt. Ich wollte, ich hätte nie Sorgen. Ich wollte, ich hätte unbegrenzt Zeit, um hinter das Geheimnis des Lebens zu kommen: Die Welt um mich herum besser zu verstehen - die Menschen - die Liebe - den Tod...
Dieser Beitrag wurde unter Notizen 06 abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s