3.10.00

Rudi kletterte auf den Strommast, Bernd sprang von der Autobahnbrücke, Zinser starb an Bauchspeicheldrüsenkrebs, Tom erhängte sich in seiner Kneipe „Kakadu“.
Ich wichste zu Nacktszenen im Fernsehen, ich wichste zu den Pornos meines älteren Bruders, ich wichste aus dem Gedächtnis, ich wichste zur Lektüre von de Sade…
Wenn ich`s recht betrachte, sind wir Monster. Eine frankenstein`sche Evolution brachte uns auf den Weg – in den Schoß der Erde, in diese verfluchte Burg. Wir leben auf einem Monsterplaneten und sind sterbenseinsam, verurteilt zur unaufschiebbaren Selbstzerstörung – die geschieht, wenn das Monster seine Rechte vor seinem Schöpfer einklagt.

Ich wohne zur Miete in einem Zimmer mit Terrasse. Links von mir sitzt meine Ex mit ihrem Neuen und hustet mir was vor. Rechts von mir beäugt mich das Narbengesicht, und vor der Garage gegenüber repariert der Einäugige aus dem Kellerloch stundenlang Fahrräder.
Umso mehr ich trinke, desto ferner rücken die Unternehmungen des Tages – heute Dosenbier. Hopfen macht müde und Countrymusik dösig. Ich mache noch eine Dose auf, ich hab` schon lange den Tunnelblick, dabei fing alles gut an: geduscht, rasiert und sogar gestaubsaugt und abgespült… Ob ich heute noch mal die Kurve kratze?

Der Mund ist sicher die erstaunlichste Öffnung des Menschen: er atmet ein, er atmet aus, er isst, er küsst, er spuckt und kotzt, er leckt, er schmeckt, er hustet, krächzt, stöhnt, schreit, und er redet, redet, redet…; er trinkt Whiskey, er trinkt Milch, er saugt an Mutters Brust, er entlässt den ersten Schrei, er haucht den letzten Atemzug, er lacht und schmunzelt, und er zeigt sich traurig und schmerzverzerrt… Ich glaube, der Mund ist was ganz Besonderes. Ich liebe seine roten Lippen und seine Zunge, die, als hätte sie ein Eigenleben, in der Mundhöhle herumfummelt.

Ich fühle mich leer. Das Wetter macht mal so – mal so, und ich sitze hier wie auf Kohlen. Der kleinste Pickel stört mich, lähmt mich. Ich sitze geduckt an der Schreibmaschine, ich atme schwer, ich höre Musik.

Ich fühle mich leer wie sonst was.


Über bonanzamargot

Ich wollte, es wäre immer Sommer. Ich wollte, ich wäre immer verliebt. Ich wollte, ich hätte nie Sorgen. Ich wollte, ich hätte unbegrenzt Zeit, um hinter das Geheimnis des Lebens zu kommen: Die Welt um mich herum besser zu verstehen - die Menschen - die Liebe - den Tod...
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