1.11.06

 

ich sagte ihr, dass für mich die Sozialisten genauso
Gauner wären wie
die Kapitalistenschweine
sie agierten nur auf verschiedenen Spielfeldern
und die Spielregeln wären andere
ich begriff das nach der Lektüre
George Orwells „Farm der Tiere“
Schweine fressen alles
ich blickte in ihr ehrliches Sozialistenherz
Politik und Religion rauben den Menschen die Seele
die Revolution ist rot wie die Liebe
wer kann einem Helden wie Che Guevara widerstehen
und den unzähligen anderen, die ihre Gedichte
hinter Gefängnismauern schrieben und als politisch
Verfolgte im Exil?
wir brauchen Menschen, die der Ungerechtigkeit die Stirn bieten
die für uns bluten
„Geld raubt den Menschen die Seele“, sagte sie

solche Diskussionen verliefen im Sand
wahrscheinlich lebten wir bereits in der besten aller möglichen
Welten
die Wolken hingen tief in den Schweizer Bergen
der Vierwaldstätter See im Nebel fast ausgelöscht
als wir durch die Luzerner Altstadt schlenderten
die herrliche Alpenkulisse entzog sich unseren Blicken
es war schweinekalt
aber wir hatten die Zeit und uns
wir waren ganz unpolitisch unterwegs
an der Stadtmauer, die sich wie ein Irokesenhaarschnitt
über die Anhöhe zog
vorbei an vielen beschaulichen Häusern und Plätzen
vorbei an den Touristenzentren, die sich überall auf der
Welt glichen, vorbei an dem Mac Donalds Emblem
und vorbei an den Auslagen der Edelboutiquen
wir sahen die Oberfläche der Dinge
das reichte aus
gegen die Dummheit kann man nicht kämpfen
schlägt man einen Dummkopf ab, wachsen zweie nach
was ist dann zu machen?
wir kehrten ein, um uns aufzuwärmen
ich trank wie immer Bier
sie trank Kaffee
irgendwo draußen im Nebel gab es die Lösung für die
Probleme der Menschheit
wir besaßen sie augenscheinlich nicht an diesem Sonntag
aber wir hatten die Zeit und uns
wir waren ganz unpolitisch unterwegs
mit Geld konnte man sich auf dieser Welt alles kaufen
nur noch nicht das Wetter
nur noch nicht das Wetter
ich blickte in ihr ehrliches Sozialistenherz
für ihre Kinder vergaß sie die Revolution
die Schweiz wurde zu ihrem Nest
sind Mütter die besseren Revolutionäre?
denke ich …

 

 

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27.4.06

 

Tiefluftbewohner aus dem Mittelmeer
streben als Astronauten hinauf in Sphären, bis das Blut
in den Adern kocht
in Wunderschiffen schiessen sie an die Oberfläche
ihres Lebensraumes
umkreisen die Heimat
blicken hinunter auf die Erde
die Segel blähen sich im Herzwind
reibungslos
schwerelos
richtungslos
auf der anderen Seite grenzenlos der Abgrund ins All
stürzen sich eines Tages in die Vergangenheit und Leere
Tiefluftbewohner
aus dem Mittelmeer
ich wünsche euch alles Glück der Welt
auf eurer weltenlosen Reise
durch lebensfeindliche Räume
vielleicht mit Riesensätzen wie Grashüpfer von
Sonnensystem zu Sonnensystem
doch keine Erde wird wie eure Erde sein
kein Meer wie euer Mittelmeer
es gibt nichts mehr zu erobern
die Zukunft liegt auf Eis, und die Vergangenheit ist leer

 

 

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23.2.06

 

es ist Winter
es ist Winter
es ist wieder mal Winter
jedes jahr erlebe ich den Winter
dieser Winter ist nicht mein Winter
er ist oben
und unten
rechts und links von mir
der Winter kläfft mich an wie eine aufdringliche Töle
der Winter pinkelt mir ans Bein
und die Pisse gefriert
der Himmel stülpt sich über den Tag wie
eine schmutzige Unterhose
es ist Winter
nicht mein Winter
es ist euer Winter
euer gottverfluchter Winter
meine Seele hat Schnupfen
die Liebe liegt unter einer Eisdecke
ich will sie mit den Fingernägeln freikratzen
aber das geht nicht
die Wahrheit flog nach Süden ins Warme
und zurück bleibt die
Sehnsucht
es ist Winter
ich bin Winter, du bist Winter, er ist Winter
wir sind Winter
in meinem Mantel, die Hände tief in den Taschen
vergraben
den Kopf geduckt in der Kälte
gehe ich zur Bushaltestelle
der harsche Schnee liegt am Straßenrand wie
Bauschutt
der Winter ist die Baustelle
der Winter ist Asche
ich steige in den Bus und fahre ins Tal

 

 

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31.3.06

 

Was unterscheidet linke von rechten Spießern?
die Farbe der Gedanken
doch die Gedanken selbst
wiederholen sich gebetsmühlenartig
sie hören sich vernünftig an
von Vernunft beseelte Rassisten
von Vernunft ausgetrocknete Rebellen
angeleinte Bulldoggen
heuchelnde Bürokraten, Schleifer und Weihnachtsmänner
abgehobene Geister in Wissenstürmen
beim intellektuellen Gruppenfick
niemals kapiert, dass Links und Rechts willkürliche
Sichtweisen sind
doch hängen sie den Traditionen an
doch finden sie die passenden Gurus, deren Lehren
sie nachbrabbeln
sie sind unter sich und spielen mit dem Stein der Weisen
Federball
und du schreibst mir, dass es Wichtigeres als Ficken gibt
was soll ich dazu sagen?

 

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26.4.06

 

Ich atme deine Haare
sie wandern in mein Blut
und schmücken mich von
innen
auf meinem Herz ein Hut

 

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27.7.06

Epididymitis links

 

Die Universitätsklinik liegt am Fluss
ein Bienenstock aus Beton
Drohnen in blauen Kitteln wuseln durch die Flure
Ich liege in einer Wabe mit drei Mitpatienten
auf der Urologischen
Dieter, ein korpulenter, humorvoller Geschäftsmann
hält uns bei Laune
er ist zufrieden mit sich und der Welt
am liebsten erzählt er von den Kreuzfahrten mit seiner Frau
und von Palma de Mallorca
der Krebs machte eine Blasenresektion erforderlich
Herr Petrowitsch haucht langsam sein Leben aus
seit Monaten liegt er im Krankenhaus
jeden zweiten Tag wird er dialysiert
als sie ihn aufmachten, entdeckte der Operateur
einen Tumor an der Leber
Petrowitsch verschläft die Tage mit halboffenen Augen
Dieter witzelt: „Der will unbedingt in den Himmel …“
Neben mir liegt Meyer – Hodenkrebs
nach der OP erhält er die vernichtende Nachricht
dass es bösartig ist
seine Frau ist bei ihm, und er weint
sie spricht ihm Mut zu: „Zusammen werden wir es schaffen …“
Meyer hat zwei Kinder
Mein Bett steht am Fenster, und ich schaue in den
arschglatten Sommerhimmel
das Antibiotikum tropft in meine Armvene
Es ist Wochenende, am Flussufer bauten sie ein Zelt auf
die Klinik feiert Sommerfest
die Musik schallt ins Krankenzimmer, bis spät am Abend
ein Gewitter die Feststimmung abebben lässt
Ich habe Bettruhe
wenn mich Dieter nicht unterhält, oder ich zu Untersuchungen
samt Bett über die Flure geschoben werde
lese ich einen dicken Roman
und in der Dunkelheit der Nacht spreche ich mit einem Stern
der mir am Firmament auffiel
Der junge Oberarzt sagt, dass sie mich Anfang nächster
Woche entlassen können
die Entzündungswerte sind deutlich rückläufig
die Abschwellung des Hodens könne noch dauern
und ich solle mich auf alle Fälle schonen
„Kühlen und hoch lagern“, betont der Arzt wiederholt
Nach einer Woche lasse ich mir das erste Bier im Kaffeehaus
nicht nehmen
es funkelt mich geradezu an
ich bin glücklich
und mit mir muss die ganze Welt glücklich sein
ich denke an Petrowitsch und Meyer und die Frohnatur Dieter
ich denke auch an die Drohnen in Blau
die mir in die Venen stachen und mich betreuten
zuhause in meiner Wohnwabe sitze ich auf einer Kühlkompresse
vor dem PC
draußen der arschglatte Sommerhimmel
jeder Tag ist eine neue Buchseite
und das Bier schmeckt schon nicht mehr ganz so gut

 

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11.8.06

Man nimmt sich die Zeit, oder man verliert sie

 

Ich parkte mein Fahrrad wie immer unter dem Begonienfenster
Der Regen hatte viele rosa Blütenblätter
auf dem Pflaster unter dem Fenstersims verteilt
wahllos, trunken und feucht
Die Schanktür stand weit offen
Der August zeigte sein gewittriges Gesicht
ein Gesicht voll Launenhaftigkeit
zwischen Sonnensprenkeln und ernsten, grauen Wolkentürmen

Als es das erste Mal schneite, dachte das Kind
es wüsste, was Schnee ist
Als der junge Mann das erste Mal liebte, dachte er
er würde die Liebe bereits kennen

Ich saß übervierzigjährig an der Theke des Kaffeehauses
am selben Platz wie immer, so dass ich den Eingang
und die gesamte Bar in meinem Blickfeld hatte
Ich hatte es mir angewöhnt, das Angenehme
mit dem Nützlichen zu verbinden
Am späten Nachmittag fuhr ich mit dem Rad Einkaufen
und nach allen Erledigungen setzte ich mich ins Kaffeehaus
blickte in die Runde
lächelte die Bedienung an
nickte dem Barkeeper zu, der schon wusste, was ich trinken wollte

Als er das erste Mal in seiner Jugend Alkohol trank
dachte er, er wisse, was es mit dieser Flüssigkeit auf sich hat
welche er golden in vielen Gläsern an der Theke trank
Dem ersten Rausch folgten unzählig viele mehr
als Lieben seiner ersten Liebe folgten
und mehr Schnee als dem Erleben des ersten Schnees
folgte
jedenfalls in den Breiten, wo er wohnte

Ich nippte wie immer genussvoll am Bier, legte eine Lektüre
zurecht, um ein paar Seiten zu lesen
und in den Pausen blickte ich wie hypnotisiert in den Schankraum
fasziniert von den verschiedenen Wirklichkeiten
die sich ergaben

Der ergraute Mann kämpfte noch immer um die eine
erste Liebe
die längst erloschen wie in einem Gletscher unter vielen Eisschichten
konserviert lag
wie die Blütenblätter der Begonie draußen
veredelt durch eine ferne Vergangenheit
Jede neue Verliebtheit holte sie ihm zurück und machte
den Traum wahr
für ein paar Tage, Wochen, Monate
wie immer
bis die Schneeschmelze einsetzte
die Jahreszeiten naturgemäß ineinander übergingen
und sich wie Spaziergänger flüchtig begrüßten
er selbst seine Gewohnheiten entwickelt hatte

Ich klappte das Buch zu
Die Theke hatte sich mit Gästen gefüllt, welche mir
unangenehm körperlich und mit ihren Stimmen auf die Pelle rückten
Eins würde ich aber noch trinken, dachte ich
nach einem prüfenden Blick auf die Armbanduhr

Warum sollte nicht alles flüchtig sein wie die Jahreszeiten
und im steten Wechsel passieren?
In seinem Beruf war er dem Tod und Sterben hundertfach begegnet
es ließ sich auf keine Formel bringen
alles wiederholte sich lediglich mit ähnlicher Mimik
wie die Jahre, die gleich einer Spirale auseinandergezogen werden
Manchmal dachte der älter werdende Mann an der Theke
die Spirale würde sich in einem einzigen Kreis des Lebens
zurückfinden

Ich spürte, dass meine Zeit an der Theke langsam ablief
meine Blicke wurden matt, und die Unruhe wuchs
aufbrechen zu müssen
Mein Schlachtross wartete unter dem Begonienfenster
wo ich es, wie mir schien, vor Jahren
geparkt hatte

 

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