.06

 

Weit weg warf ich die Angst
vorbei die Zeit
wo du bangst
um Liebe, Zärtlichkeit
Geborgenheit

In einem Schrebergarten
küsste ich
Schneewittchen
Am nächsten Morgen
erwachte ich
im Kittchen

Ständig bin ich mir ein Quell
zum Trotz habe ich
ein dickes Fell

Was ich an dir finde
macht den Mann
zum Kinde
was ich an dir finde
ist Sünde

 

Veröffentlicht unter Notizen 06 | Verschlagwortet mit , , , | Kommentar hinterlassen

2.10.06

 

Mein Kopf lag auf seinem Schoß
Ich spürte, wie sein Schwanz
Härter wurde
Und sich stramm in die Kuhle
Meines Nackens legte
Ich machte so
Als ob ich es nicht merkte
Die Sonne grinste mich blass
Aus Oktoberwolken
An
Und ich lauschte dem
Plätschern der Wellen
Am Ufer der Rheinterrassen
Während der Wind mit meinen Locken
Spielte
Döste ich ein
Er sagte zärtlich
„Hey du“
In einer anderen Welt

 

Veröffentlicht unter Notizen 06 | Verschlagwortet mit , , | Kommentar hinterlassen

4.9.06 plus

 

Stelle dir vor, vor deinen Augen tänzelt
Ein Fahrgestell Marke Monroe die Treppe hoch
Es ist ein sonniger Spätsommertag
Und du denkst den Satz:
Zwei parallele Geraden schneiden sich in der Unendlichkeit
Stelle dir vor, deine Freundin hätte zwei Köpfe
Im Zwiegespräch
Auf jeder Schulter einen
Der linke schneidet dir immer das Wort ab
Zwei Paar Augen hypnotisieren dich
Bis du wie gelähmt in einer Salzsuppe aus Luft
Und Angst treibst
Du denkst den Satz:
Störe unsere Kreise nicht
Die Polin mit dem opulenten Arsch
Fährt im silbern funkelnden Porsche Cabriolet
Im Schritttempo an dem Lokal vorbei
In dem sie die Männerblicke auf sich zog
Wenn sie bediente
Stelle dir vor, du hättest sie einmal beglückt
Der linke Kopf deiner Freundin sucht deinen rechten Kopf
Da wird dir bewusst, dass du auch zwei Köpfe hast
Und alles ist noch viel verworrener
Der laszive Blick der Polin verfolgt dich
Er sagt etwas wie: Ich sitze auf dem Schaltknüppel
Dieses Sportwagens
Stelle dir eine Kreuzung im Berufsverkehr ohne Ampeln vor
Du denkst: Die Natur wird es schon richten
Oder: Das sensible Chaos
Stelle dir einen Menschen vor, der dreibeinig den Weltrekord
Über hundert Meter läuft
Stelle dir vor, du bist mit deiner Freundin auf den Tag genau
Ein Jahr zusammen
Ihr wolltet etwas Besonderes unternehmen
Als der Tag da ist, ist alles anders
Du denkst den lapidaren Satz:
Erstens anders, zweitens als man denkt

 

Veröffentlicht unter Notizen 06 | Kommentar hinterlassen

4.9.06

 

Sterne meines Lebens
An wie vielen Containerbahnhöfen kam ich vorbei?
Ich ehre Vater und Mutter
R. und E.
Kein Tag verging, dass sie mich aus den Augen
Verloren
Meine Eltern sind die größte Liebe meines Lebens
Platonisch
Wie die Liebe zu den Wolken
Heute auf einer Zugfahrt
Von Basel nach Heidelberg
Wie die Liebe zu den Sternen in einer klaren Nacht
Ich sehe alle Verstorbenen
Die Geschichte mit ihrem vergangenen
Klein- und Großmut
Tausend Generationen, die von der
Erde gefressen wurden
Heute lächeln sie mir von unendlicher Ferne aus
Zu
An wie vielen Städten fuhr ich vorbei?
Ich ehre meinen Bruder
K.
Sein Blut wird immer mein Blut sein
An welchem Ort er auch wohnt mit
Familie, Auto und Haus
Es gibt kein Halten für die Entwicklung
Kein Halten im Klima wie im Leben
Alles ist besser, als es aussieht
Ohne Liebe finde ich keinen Trost
Berge und Ebenen fahren an mir vorbei
Felder, Häuser, Fabriken
Formen und Farben – die Brüder
Himmel und Erde – die Eltern
Der Mond – ein halber Fetakäse
Meine Geliebte

 

Veröffentlicht unter Notizen 06 | Verschlagwortet mit , , , , | 2 Kommentare

24.8.06

 

Das erste Mal bemerkte ich es im Frankfurter Hauptbahnhof
Als ich die Zuganzeigen über den Bahnsteigen
Ablesen wollte
Ich hatte eine Radreise nach Rügen
Gemacht
Und war auf dem Rückweg mit der Bahn
Bis zu meinem Zuhause an der Bergstraße musste
Ich noch zweimal
Umsteigen
Danach sollte es mir immer häufiger auffallen
Dass ich in die Weite schlechter sehe

Im Straßenverkehr muss ich
Meine Augen anstrengen, um
Schilder zu erkennen
Was weiter als fünf Meter weg ist
Gewinnt zunehmend an
Unschärfe
Vor allem abends
Mit Zwanzig war ich stolz auf
Meinen Adlerblick
Wenigstens brauche ich keine Lesebrille
Denke ich
Und wahrscheinlich liegt es nicht
Am Trinken, sondern einfach
Am Älterwerden
Inzwischen dämmert es
Ich nehme noch einen Schluck…
Mehrere Schlucke Bier
Wenn ich einmal alt sein werde
Wenn ich einmal so alt sein werde, dass das Alter
Nicht mehr zu leugnen ist
Wenn ich dann als alter Mann
An der Theke sitze
Werde ich denken, dass ich meine beste Zeit
Anfang Vierzig hatte
Damals, als ich kurzsichtig wurde

 

Veröffentlicht unter Notizen 06 | Verschlagwortet mit , , | Kommentar hinterlassen

18.8.06

 

Geträumt

Von einer Straßenbahnfahrerin, die nicht an ihrem Platz ganz vorne saß
Sondern von hinten den Zug steuerte
Sie nickte ständig ein, bis man ihr schließlich helfen musste
Ein Notarzt im Trenchcoat und ein Sanitäter
den ich anfangs für den Arzt hielt, kümmerten sich
Um sie

Von einer Liebeserklärung
Mit Kugelschreiber auf meine lederne Schultasche
In kindlicher Schrift geschrieben

Von der Straßenbahn, die unerwartet
Eine Strecke durch den Wald fuhr

Von zusätzlichen Liebeserklärungen auf meiner Schultasche
Und Hinweisen
Dass es sich um eine ehemalige Arbeitskollegin
Und Schülerin handeln könnte

Von dem Umsteigen in einen Bus
Der uns in die Altenpflegeschule bringen sollte

Von der Aussage eines weiblichen Fahrgasts
Sie habe die Frau gesehen, von der die Liebesbotschaften kämen

Von dem Verdacht
Dass man mich an der Nase herumführen wollte

Von meinem plötzlichen Aufwachen
Am Morgen unter blauem Himmel

Von der langsam zurückkehrenden Wirklichkeit
Außerhalb meines Kopfes
Viele Gedankenmeilen weit weg

 

Veröffentlicht unter Notizen 06 | Verschlagwortet mit , , , , , | Kommentar hinterlassen

4.3.06

 

18 Zentimeter unter dem Bauchnabel
beginnt die Hölle
Flammen kräuseln sich im Schoß
die Luft singt von Lust
ich verbrenne mir die Finger
der Höllenengel lässt mich schreien
Schlangen im Kopf, züngelnde Gedanken
und weiche Monde
ich küsse den Vulkan
18 Zentimeter
unter dem Bauchnabel
beginnt das Leben
dort ist die Pforte
deren Pförtner DU bist
und DU lachst
als du meinen Rammbock siehst
offene Türen muss man nicht einrennen
doch ich renne sie ein
die Geilheit ist ein Fest
18 Zentimeter
unter
dem
Bauchnabel
begegnen wir uns
Frau

 

Veröffentlicht unter Notizen 06 | Verschlagwortet mit , | 10 Kommentare

18.2.06 plus

 

Etwas Alzheimer tut gut, sagte
Ein Arzt
Der den Spruch von einem anderen Arzt hörte
Welcher ihn wiederum
Bei einem Kollegen aufgeschnappt
Hatte

Mir fällt ein, dass Anis eine Bedienung
Meiner ehemaligen Stammkneipe war
Ein hübscher Junge
Aus Marokko
Der durch seinen Erfolg
Bei den Damen alsbald seine
Liebenswerte Bescheidenheit verlor
Ich verbrachte damals unzählige
Stunden bei Anis
An der Theke…
Er reiht sich ein in die Kolonne
Der Vergessenen
Es wurde nichts mehr mit ihm

 

Veröffentlicht unter Notizen 06 | Verschlagwortet mit , , , | Kommentar hinterlassen

18.2.06

 

Regen fällt sporadisch
Der Tag im Sträflingsanzug
Unisono das Pflaster meiner Wege
Eine bunte Unterhose schaut aus einer
Jeanshose raus
Leuchtet wie Reklame
Für den unschuldigen Mädchenarsch
Grau sind
Meine Hose, mein Hemd, mein Mantel
Meine Augen
Meine Haare
Schulmädchen klönen im Café über
Ihren Hausaufgaben
Phantasievoll schlampig
Raben in Menschengestalt als Dekor
An den Wänden
Zur Hälfte abgewaschen
Wolken wie blauschwarze Tinte
Das Kleinbasler Ufer leuchtet
Die Fassaden zeigen mir ihre helle Stirn

Grau sind meine Gedanken im Heute

 

Veröffentlicht unter Notizen 06 | Verschlagwortet mit , , , , | 2 Kommentare

22.6.05

 

Ich bin aus dem Alter heraus, wo ich mich für meine Dummheit rechtfertigen muss oder gar schämen. Ich würde sagen, ich entwickelte mit den Jahren eine Art Souveränität, oder bilde es mir ein. Ich rede von einem Prozess, der nicht abgeschlossen ist. Das Leben bedeutet Ehrlichkeit und damit verbunden überzeugendes Auftreten.
Bevor ich aber ins Labern komme, erzähle ich lieber von der Tür heute Morgen. Eine hundsnormale Badezimmertür, die ich anstarrte, während ich auf dem Klo saß. Sie schien zurück zu starren. Kalkweiß mit einer gewöhnlichen Klinke. Der Schlüssel steckte.
Ich würde das Bad nur durch diese Tür verlassen können. Das Gehen durch Türen ist im Alltag selbstverständlich. Ich drücke die Klinke herunter, öffne die Tür und trete über die Schwelle. Erst jetzt wurde mir aber richtig bewusst, dass die Tür einen Eingang und einen Ausgang repräsentierte. Ich werde sie als Ausgang benutzen müssen, dachte ich auf dem Klo hockend und hatte plötzlich die fixe Idee, warten zu müssen, bis jemand anklopfte, dem ich öffnete und somit erst dann die Gelegenheit hätte, das Bad zu verlassen.
Die Tür starrte mich an, als wäre sie ein Wächter, ein Einwegventil. Diese Tür wollte kein Ausgang sein. „Ich bin doch keine Schwingtür“, schien sie mir zu sagen.
Ich erinnerte mich, dass ich als Kind traumatische Erlebnisse mit Klotüren hatte, weil sie wegsperren können, weil geliebte Menschen hinter ihnen verschwinden und lange nicht mehr auftauchen. In einem Alptraum verschwand meine Mutter in einem Toilettenhäuschen, und ich hämmerte unter Tränen gegen die Tür. Auch war ich selbst schon in Toiletten eingeschlossen, weil der Schlüssel klemmte. Nur die Ruhe bewahren, dachte ich, die Tür wird sich öffnen. Die Ohnmacht des Eingeschlossenen ist eine der schlimmsten seelischen Qualen, die ich jemals erlebte.
Ich feuerte in Gedanken eine Maschinengewehrsalve auf die Tür ab. Die Sitzung war beendet. Souverän drückte ich die Klinke und ließ die Tür und anderes hinter mir.

 

Veröffentlicht unter Notizen 05 | Verschlagwortet mit , , | Kommentar hinterlassen