X.X.02

Amnesie

Man hat eine orientierungslose Frau
in Fürth aufgegriffen, die sichtlich
heruntergekommen vor der
Tür des T-Punkts lag
die Schuhe musste man ihr von
den Füßen schneiden
ihre Fußsohlen waren enthäutet
Zur selben Zeit erschoss ein Verrückter
drei Menschen in einem Erfurter Gymnasium
und wartete auf seinen Fall-Down
durch ein Spezialeinsatzkommando

Nichts wird sein wie vorher, sagt
ein Bürger und zerreißt
einen Liebesbrief
Im 3. Stock des Wohnblocks liegt ein
verlassenes Baby halbzugedeckt
in seiner Wiege
und plärrt sich vor Hunger die Seele
aus dem Leib
während unten ein Penner auf einer
Parkbank in seiner Kotze liegt
Die Sonne scheint heute nicht
sie leidet unter Amnesie
sie hat ihr Scheinen vergessen

Ich gehe in die nächste Runde:
unter mir rumort der Erdkern
und rülpst zur Erdkruste hinauf
natürlich stürzen dabei ein paar Häuser
in Venezuela ein
Ein südafrikanischer Multimillionär
schwebt indessen in der Umlaufbahn
und erfreut sich an der göttlichen Kulisse
des blauen Planeten
In meinem Zimmer wird es dunkel
auf der Tastatur greifen meine Finger daneben
wenn ich die Musik abdrehe, höre ich
das Rauschen der Autobahn
ich möchte mich mit einem Plakat auf
die Autobahnbrücke stellen
darauf in großen Lettern zu lesen:
„DER WAHNSINN FAEHRT WEITER!“
Kraftfahrer dämmern hinterm
Lenkrad ein
ein Sattelschlepper zerdrückt eine Wagenkolonne
zu Brei, und ein herumirrendes Unfallopfer wird
von einem Kotflügel enthauptet
wir sammeln die Leichen ein

Jeder Tag bringt den totalen
Erinnerungsverlust
wie immer gehe ich in den Super-
markt und stelle meine abgestumpften
Gefühle aufs Laufband
die Kassiererin schaut grimmig
als der Oma vor mir ihre Geldbörse aus der Hand gleitet
in Zeitlupe sehe ich die Münzen herabsegeln
urplötzlich holt die Kassiererin einen
silbrig glänzenden Smith & Wesson Colt
aus dem Nichts hervor
und schießt sich in den Kopf
Hirn und Blut spritzt
mir ins Gesicht
Wo bezahle ich jetzt mein Bier? frage ich.

Über bonanzamargot

Ich wollte, es wäre immer Sommer. Ich wollte, ich wäre immer verliebt. Ich wollte, ich hätte nie Sorgen. Ich wollte, ich hätte unbegrenzt Zeit, um hinter das Geheimnis des Lebens zu kommen: Die Welt um mich herum besser zu verstehen - die Menschen - die Liebe - den Tod...
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2 Antworten zu X.X.02

  1. monimonikablog schreibt:

    sehr cool!!!!!!! leider wahr. eher heute und morgen, als in 10 Jahren.

    Gefällt mir

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